Stell dir vor: Es ist früher Morgen. Noch vor dem ersten Meeting, mit einer dampfenden Tasse Kaffee in der Hand scrollst du durch LinkedIn. Der dritte Coach in Folge erzählt dir von seinem tiefsten Tiefpunkt, von der dunklen Nacht seiner Seele, vom Burnout, von Tränen, von Transformation. Wieder einmal liest du, wie jemand „sich selbst neu erfunden hat“ – und nun anderen hilft, genau das Gleiche zu tun.
Vielleicht denkst du in diesem Moment:
„Wahnsinn, ergreifend, was für eine Geschichte…!“
Oder, so wie ich:
„Schön für dich, aber was hat das mit mir zu tun und vor allem, was genau qualifiziert dich nun die Probleme anderer zu lösen?“
In diesen Blogartikel widmen wir uns der aktuell wohl sehr brisanten Frage:
Warum erzählen so viele Coaches, Berater und Therapeuten in epischer Breite ihre eigene Leidensgeschichte?
Und noch viel wichtiger: Hilft dir das wirklich bei deinen eigenen Herausforderungen?
Die schöne Geschichte … oder doch nur Ablenkung?
Tacheles (ihr wisst ja, liebe ich!): „Sogenannte Authentizität“ als Marketingtool zu verwenden ist absoluter Trend und es scheint es fast ein Muss zu sein, die eigene Geschichte zu erzählen.
Möglichst emotional. Möglichst persönlich. Möglichst dramatisch.
Doch aus professioneller Sicht ist dieses exzessive Storytelling nicht nur überflüssig, sondern in vielen Fällen sogar kontraproduktiv.
Denn: Es lenkt vom Wesentlichen ab.
Von dir.
Von deiner Welt.
Von deinen Lösungen.
Wer Unterhaltung möchte, kann sonntags um 20.15 Uhr den Tatort schauen…
Frag dich mal: Wer steht im Mittelpunkt?
Der hypnosystemische Ansatz nach Dr. Gunther Schmidt beispielsweise sieht dich als aktiven Gestalter deines Erlebens. Nicht als passiven Empfänger von Ratschlägen. Nicht als Projektionsfläche für die Lebensgeschichte eines Coaches.
Wenn ein Coach dir erzählt, wie er selbst gelitten hat, dann ist das vielleicht menschlich berührend. Aber es sagt nichts darüber aus, ob er dir helfen kann, deine inneren Blockaden zu lösen. Im Gegenteil: Allzu oft wird aus dem Coaching dann ein „Copy-Paste-Angebot“ – „Ich habe das so gemacht, du solltest das auch tun.“
Doch du willst keine Geschichte nacherzählen.
Du willst deine eigene schreiben.
Du willst Lösungen, die zu dir passen.
Die Risiken des Selbstausdrucks auf Kosten der Klienten
Ehrlicherweise kann ich nur davor warnen, dass Berater oder Therapeuten ihre eigene Biografie zu sehr ins Zentrum stellen. Und das aus gutem Grund:
🔸 Es verschiebt den Fokus: Weg vom Klienten, hin zum Coach.
🔸 Es suggeriert Abhängigkeit: Nur wer „selbst durch die Hölle gegangen ist“, kann helfen? Das ist weder systemisch noch professionell.
🔸 Es untergräbt die Autonomie: Jeder Mensch konstruiert seine eigene Wirklichkeit. Ein guter Coach begleitet diese Konstruktion – er ersetzt sie nicht durch die eigene.
🔸 Es reduziert Professionalität auf Betroffenheit: Doch Kompetenz bemisst sich nicht an der Tiefe des eigenen Schmerzes, sondern an der Fähigkeit, andere sicher und wirksam zu begleiten.
Was Führungskräfte und Unternehmer wirklich brauchen
Menschen wie du – ambitionierte Unternehmer, Führungspersönlichkeiten, Entscheider – haben weder Zeit noch Interesse an emotionalem Over-Sharing.
Du suchst Substanz, Struktur und Lösungen, keine Bühne für Selbstdarstellung.
Was dich interessiert, ist:
- Versteht mich diese Fachperson wirklich?
- Hat sie die Kompetenz, mich durch komplexe emotionale Prozesse zu begleiten?
- Ist sie klar, diskret und professionell?
- Schafft sie es, meine Herausforderungen auf den Punkt zu bringen – ohne Umwege über ihre eigene Vergangenheit?
Was du stattdessen verdienst: Eine Haltung der echten Zuwendung
Ein hypnosystemisch/systemisch professionell arbeitender Experte wird dir nicht seine Geschichte erzählen.
Er wird dich stattdessen fragen:
👉 Wie machen Sie das, was Sie gerade erleben?
👉 Was wäre jetzt eine erste kleine Veränderung, die Sie als stimmig empfinden würden?
👉 Woran würden Sie merken, dass ein neuer Lösungsraum entsteht?
Keine großen Reden. Keine Inszenierung. Kein Drama. Keine emotionale Aufmerksamkeit um jeden Preis. Kein Seelenstriptease!
Nur du – im Mittelpunkt. Mit deinen Bedeutungen, deinen Ressourcen, deinen Möglichkeiten.
Fazit: Keine Heldengeschichten. Sondern kluge Begleitung.
Vielleicht liegt genau darin die wahre Qualität:
In der Zurückhaltung des Beraters.
Im sicheren Raum, in dem du nicht die Geschichte eines anderen hören musst – sondern deine eigene, neue Geschichte gestalten darfst.
Und wenn du jemanden suchst, der dich genau dabei begleitet –
ohne große Worte, aber mit viel Klarheit und Tiefgang –
dann findest du ihn nicht unbedingt dort, wo die lautesten Geschichten erzählt werden.
Sondern dort, wo Menschen zuhören, Fragen stellen – und wirklich helfen können.
Für mehr Substanz statt medienwirksame Sensation!

